Der 11. September 2001

Mein 11. September 2001


Am Nachmittag des 11. September 2001 saß ich wie sonst auch an meinem Computer und arbeitete. Im Hintergrund lief der Fernseher: "Tagesschau um drei". Es ging mal wieder um Scharpings Fettnäpfchen als Verteidigungsminister. Nach dem Bericht, es war exakt 15 Uhr 04 Minuten und 20 Sekunden, wieder der Tagesschau-Sprecher Claus-Erich Boetzkes:

"... und soeben erreichen uns folgende Informationen und folgende Bilder. Aus dem World Trade Center in New York steigt dichter Rauch auf. Nach Berichten US-amerikanischer Fernsehsender ist eine zweimotorige Kleinmaschine in einen der beiden Türme des Wolkenkratzers gestürzt. Wir werden uns bemühen, daß wir Ihnen weitere Informationen noch im Lauf dieser Sendung nahe bringen können. Aber zunächst weiter mit der Haushaltsdebatte in Berlin..."

Noch während der Sprecher von einer Maschine und einem der Türme sprach, zeigte die Technik bereits den Einschlag der zweiten Maschine. Keiner hat's gemerkt! Ich habe es auch erst erkannt, als sich mir eine Aufzeichung dieser Sendung angesehen habe: Ein Turm brennt, ziemlich weit oben quillt schwarzer Rauch aus den Etagen. Ein großes Flugzeug (erkennbar kein Kleinflugzeug!) kommt von rechts, Feuerball, schwarzer Rauch... jetzt brennt auch der zweite Turm, etwas tiefer als der erste.

Was denkt man bei solchen Bildern? Woran dachte ich? Habe ich mir zu dem Zeitpunkt schon Gedanken um die Opfer im World Trade Center gemacht, über die Wirkung auf den Aktienmarkt oder den Krieg gegen die Taliban? Nein, ich dachte in diesem Moment nicht an Opfer und Folgen. Ich war überzeugt, der besoffene Pilot wäre beim Versuch, mit seinem Kleinflugzeug zwischen den Türmen hindurchzufliegen einfach nur ein paar Meter zu weit rechts geflogen, wie mir das schon mal virtuell in Microsoft's Flugsimulator passiert war. Er wäre nicht der erste, der für so ein Manöver seinen Flugschein und eine saftige Strafe riskierte. Vielleicht hat es bei diesem dummen Unfall ein paar Verletzte in den Büros gegeben, der Pilot hat sicher nicht überlebt und der Rauch stammt aus seiner brennenden Cessna.

Einige Minuten nach diesem ersten Beitrag kam in der Tagesschau noch eine Telefonschaltung zum Korrespondenten Claus Kleber in Washington, der allerdings auch kaum mehr wußte, als daß es jetzt auch im Südturm eine Explosion gegeben haben sollte und daß nun beide Türme brannten. Mein Erklärungsversuch mit dem Manöver aus dem Flugsimulator paßte nun nicht mehr. Gezeigt wurde eine Seitenansicht des brennenden World Trade Centers aus einem Flugzeug heraus, wobei aber durch den ungünstigen Kamerawinkel aus Nordwesten nur der Nordturm sichtbar war. Soweit zur Tagesschau um drei, die hiermit wahrscheinlich die ersten Bilder des Anschlags in Deutschland gesendet hat.

Die weiteren Sendungen des Tages -viele Sender unterbrachen ihr laufendes Programm für Sondersendungen- zeigten dann natürlich auch noch weitere Aufnahmen, die zum Teil von Anwohnern und Touristen mit ihren Videokameras eingefangen worden waren. Auch aus Washington kam dann die Meldung, daß ein Flugzeug das Verteidigungsministerium im Pentagon getroffen hatte. Nun war auch klar, daß es sich bei den Maschinen nicht um Kleinflugzeuge handelte. Die Spekulationen gingen weiter: Wieviele Flugzeuge wurden noch entführt? Welche Ziele würden sie wohl anfliegen? Würde die US-Airforce sie vielleicht sogar abschießen? Die Fluggesellschaften "American Airlines" und "United Airlines" meldeten jeweils zwei vermißte Verkehrsflugzeuge, auch die Anzahl der Crewmitglieder und Passagiere wurden bekannt.

Irgendwann kam dann auch die Meldung, daß das vierte entführte Flugzeug bei Pittsburgh auf einen Acker gestürzt sei. Man wußte noch nicht, ob der Pilot oder ein Entführer diese Bruchlandung absichtlich einleitete oder ob das Flugzeug vielleicht sogar abgeschossen wurde. Später stelte sich heraus, daß noch kurz vor dem Absturz ein Passagier per Handy zu Hause angerufen hatte um seiner Frau mitzuteilen, er und zwei weitere Männer würden versuchen, die entführte Machine zurückzuerobern. Dabei muß dann wohl etwas schiefgegangen sein. Doch selbst diese schlimme Nachricht löste irgendwie Erleichterung aus. Diese Entführer hatten ihr Ziel nicht erreicht. Dieses Flugzeug hat kein weiteres Gebäude getroffen und außer den bedauernswerten Flugzeuginsassen hat es zumindest keine weiteren Opfer gegeben wie im WTC und im Pentagon.

Unklar war zunächst immer noch, wie die Terroristen die Piloten zu derartigen Aktionen zwingen konnten, deshalb wurden auch deutsche Piloten interviewt, die aber alle einstimmig sagten, daß kein Pilot sich zu so etwas zwingen lassen würde und seine Maschine lieber irgendwo in unbewohntem Gebiet zerschellen lassen würde als ein Hochhaus zu rammen, deshalb müßten die Entführer selbst geflogen sein. Aha, hätte mich auch sehr gewundert, wenn ein Verkehrspilot sich zu einem Kamikazeangriff überreden lassen könnte. Was für ein Druckmittel könnten die Entführer denn dafür schon einsetzen? "Flieg in das Hochhaus oder ich bring Dich um" ist ja wohl keine wirklich überzeugende Alternative... Daß die Terroristen vorher monatelang in amerikanischen Flugschulen gelernt hatten, wie man so große Maschinen fliegt und daß dieser Unterricht teilweise sogar als Stipendium vom Flugzeughersteller Boeing gesponsert wurde (was für eine Perversion!), hat zu diesem Zeitpunkt sicher niemand geahnt.

Auch über die getroffenen Gebäude kamen immer wieder erschreckende News. Aus dem Nordturm sprangen insgesamt etwa 50 Menschen in die Tiefe, um nicht zu verbrennen oder zu ersticken. Der Südturm kollabierte, kurz darauf auch der Nordturm. Ersten Schätzungen zufolge waren dabei über 10.000 Menschen gestorben. Nach und nach wurde diese Zahl aber in den nächsten Stunden und Tagen immer weiter nach unten korrigiert, nachdem sich viele der Vermißten wieder gemeldet hatten. Den Rest des Tages verbrachte ich damit, die RTL-Sondersendung mit Peter Kloeppel zu sehen und hin und wieder die anderen Sender durchzuzappen. Peter Kloeppel moderierte die Sendung von ca. 15:15 Uhr bis um 22:30. Im Gegensatz zu uns TV-Konsumenten mußte er diese Bilder stundenlang sehen und auch noch in Worte fassen, obwohl er sicher selbst kaum begreifen konnte oder wollte, was er auf den Monitoren im Studio sah.

Immer wieder wurden die Videos von den Einschlägen am WTC gezeigt, die brennenden Häuser, herabfallende Menschen, den Kollaps der Gebäude, Staubwolken, fliehende Menschen, erschöpfte Helfer, verzweifelte Angehörige, die Ruinen am Ground Zero... irgendwann kam jemand auf die Idee, diese schrecklichen Bilder mit der traurig-schönen Ballade Only Time von Enya zu untermalen, auch in den Folgetagen, als noch von den Aufräumarbeiten berichtet wurde, lief oft dieser Song. Es wurde dadurch wohl zum meistgehörten Lied im September 2001.

Ich habe noch die halbe Nacht am Fernseher verbracht, habe wieder und wieder die Flugzeuge und Türme, die Opfer und Helfer, die Trümmer und Ruinen gesehen. Auch in den nächsten Tagen hatte ich während der Arbeit immer ein Auge auf dem Fernseher, wenn über den Anschlag, die Bergungsarbeiten und natürlich auch über die Attentäter berichtet wurde. Vielleicht brauchte ich das, um es selbst glauben und begreifen zu können. Jetzt, genau ein Jahr später, kommen wieder täglich Sondersendungen zum Anschlag vom 11. September 2001 auf allen Kanälen.

Ich will sie nicht sehen.

10.09.2002



Im Archiv der Tagesschau finden Sie die Aufzeichnungen aller Tagesschau-Sendungen des 11. September 2001: tagesschau.de



Seitensponsor:


© Text: D. Bornemann